Die Rosenhecke |
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Es war einmal eine Frau, die hieß Magda, die hatte einen Mann, der hieß Ludwig, und sie lebten mit ihren beiden Kindern am Rande eines kleinen Dorfes ganz im Osten unseres Landes. Es waren fleißige Leute, die auch ihre Kinder anhielten, sich stets nützlich zu machen, denn die Zeiten waren nicht gut, und jeder musste sehen, wo er blieb. Doch die Menschen im Lande nahmen alles hin, wie es kam, und sie sagten, das war schon oftmals so und gewiß wird bald alles wieder besser. Aber es wurde nicht besser, nein, eine große Teuerung kam, niemand wusste woher. Und als sie zudem nun immer weniger bekamen für ihre Arbeit, als es ihnen schien, als gelle überall im Lande nur ein höhnisches Lachen, wenn die Mächtigen ihre Finger dreist in die Taschen der Armen steckten und ihnen mit dem Gelde noch ihre letzte Freiheit raubten ... als sie also endlich zu erwachen begannen, da war es zu spät. Ein langer, kalter Winter zog übers Land, und als er vorüber war, hatte er aus den fleißigen Leuten des Dorfes Bettler gemacht. Und wie bald alles Recht und aller Schutz, wie Handel und Wandel elendig im Schmutze lagen, da nützte kein Schimpfen und kein Klagen mehr, es war wie es war und wurde nicht besser. Die großen Bauern und die reichen Leute waren alle fortgegangen, und weil sie kein Saatgut dagelassen hatten und auch sonst alles ohne Ordnung war, wusste keiner mehr was zu beginnen und was zu vollenden sei. Da liefen die Frauen in die Läden und holten sich das , was es noch gab, bis alle Regale und Fächer leer waren. „Auch wir sollten uns Vorräte anschaffen wie die Nachbarn“, meinte Ludwig und betrachtete seine Frau, wie sie ruhig und still am Ofen saß und flickte. „Die Leute sagen, es sei nicht nur hier bei uns so mit der Not, im ganzen Lande würden die Läden geplündert, und auch über die Grenze hinweg sei es nicht viel besser.“ „Mach du nur, wie du meinst, Ludwig, ich will und muß hier bleiben und das Feuer hüten!“ Er schüttelte den Kopf vor so viel Herzensgleichmut, doch sie schaute ihn ganz freundlich an, so dass er Mut schöpfte und mit den Kindern und einem Wägelchen loszog, um auch noch etwas zum Leben zu ergattern. Doch die Läden waren schon ganz leer, und weil in den Straßen sich die aufgebrachte Menge prügelte, gingen sie vors Dorf und trafen in seiner Hütte den Imker, der bot ihnen Honig und ein paar Hühner und Enten an, doch als Ludwig ihm Geld dafür bot, lachte der Alte nur und sagte, er solle ihm lieber seine guten Schuhe und die schöne Gürtelschnalle dafür geben. Ludwig war das recht, und so ging das auch weiter, und als sie abends heimkamen, da brachten sie allerlei Gutes mit für Küche, Stall und Keller, hatten aber manch nützliches Ding und viele Ehrenworte dafür hergeben müssen. Magda saß noch immer am Feuer, doch in der Stube war der Tisch hübsch gedeckt, und im Ofen wartete ein duftendes Mahl. „Sie ist doch eine brave Frau“, dachte Ludwig, und die beiden Kinder herzten die Mutter, weil alles so gut und hell war daheim. Draußen aber tobten die Mächte, die lange eingesperrt und verleugnet nun entfesselt aus den Seelen der Menschen strömten, und sie trieben ihre wilden Spiele mit denen, die schwankten und wankten in dieser stürmischen Zeit. Und nicht lange, da zogen sie in mächtigen Scharen zu den großen Häusern, wo die auf samtenen Sesseln saßen, die immer ihre Abgaben gefordert und so viele Säumige ins Unglück gestürzt hatten ... doch sie fanden niemanden mehr. Nur die, die noch nicht so weit hatten fliehen können, die holten sie ein, schlugen sie tot und zogen weiter. „Ich will mitziehen, mein Bluts kocht vor Lust!“ rief Ludwig, als er sie an ihrer Hütte vorbeimarschieren sah. Doch Magda bat ihn, daheim zu bleiben und mit den Kindern im Felde nach wilden Rosenbüschen zu suchen. Die wollten sie rings um Haus und Garten in die Erde pflanzen, denn so war es ihr nachts in den Sinn gekommen. „Nein, Frau, du verlangst zu viel von einem Manne, erst will ich sehen, ob kein Recht mehr zu finden ist in unserem Land!“ Was gab es da anderes, als ihn ziehen zu lassen? Sie machte sich an ihr Werk, und nur die Kinder gingen ihr willig zur Hand, und als Ludwig nach 10 Tagen und 10 Nächten endlich nach hause kam, da war der Hof und der Garten umringt von hundert Rosenstöcken, die hatte sie dort tief eingepflanzt und an Zaun und Mauern angebunden, dass sie schön wachsen könnten. Ludwig aber sagte kein Wort dazu und sprach auch sonst nicht . Er war stumm geworden über all dem, was er hatte sehen müssen, saß nun, so oft es eben möglich war, vor dem Haus auf einer Bank und schaute stieren Blickes hin auf eine Welt, deren Totengesang sein Herz hatte erstarren lassen. So musste Magda sehen, wie sie allein zurechtkam. Die Frühlingsstürme zogen wie eh und je übers Land, doch in diesem Jahr warteten die Kinder vergeblich auf die ersten Veilchen und Narzissen, und auch die Zugvögel wollten wohl gar nicht zurückkehren. Eines Tages stand Magda bei ihrer Rosenhecke, da kam eine alte Nachbarin angerannt. „Magda!“ rief sie schon von weitem, „seid gescheit, schnürt euer Wichtigstes zusammen und kommt mit uns! Kein Segen liegt mehr auf unserem Landstrich, Hunger und Not sind schon in allen Häusern eingekehrt, was mag als nächste Plage folgen? Wo kein Recht mehr ist, dort fliehet bald die Sitte!“ „Und wohin wollt ihr gehen, gute Frau Nachbarin?“ fragte Magda sie. „Oh Magda, wie dumm du fragst, dorthin, nach Westen, dort, wo es gewiß noch so sicher ist wie zuvor!“ Da lächelte Magda der Alten nur traurig zu und winkte noch zum Abschied, denn sie hatte sie immer gerne gehabt. Tags drauf, als sie gerade mit den Kindern im Walde nach frischem Kraut suchte, kamen sie an einen Felsen, der ragte steil und streng in den Himmel, und oben auf ihm stand der Geldverleiher aus dem Dorf . Aus einem alten Sack holte er immer etwas, das warf er hoch in den Wind, dass der es davontrug, über die Baumwipfel flatterte es, hundertfach, tausendfach, und manchmal fiel auch eines zum Boden. Magdas Knabe hob es auf, und es war ein ganz neuer Geldschein, und gleich kam noch einer und noch einer herunter. „Was machst du, Samuel, bist du von Sinnen?“ schrieen die Kinder und sammelten ein, was sie konnten. Magda aber hieß sie schweigen und befahl ihnen, gleich mit ihr fortzugehen. Als sie sich nach einer Weile umdrehte, war auf dem Felsen keiner mehr. Da wusste sie, wie es stand um Babylon. Einen Tag später war es, da standen wieder Leute am Tor, es waren lauter Frauen und ein Mann. Die Frauen hatten rote Flecken überall und waren ganz zerzaust von der Anstrengung, denn auf ihrem Rücken trugen sie Körbe voller Sachen. Der Mann fragte Magda, was sie davon haben wolle, sie solle ihm dann Essbares dafür geben. Doch da sie das alles in den Körben nicht wollte, wurde er böse und schrie, und Ludwig musste herbeieilen, sein Weib vor ihm zu schützen. Da band der Mann die Frauen alle an ein Seil, trieb sie fort und kümmerte sich nicht darum, dass sie jammerten und heulten vor Schmerzen. An diesem Abend entfachte Magda bei der Rosenhecke ein kleines Feuer, daran setzt sie sich und lauschte in die Nacht hinein, ob nicht vom Himmel eine Antwort auf all dieses gesandt werde. Um Mitternacht, als der Mond sich hinter den Wolken verborgen hatte und es so ganz finster wurde, da begannen sich vom Walde her Stimmen zu erheben, es greinte, grunzte, jammerte und kreischte, dass es zum Fürchten war. Magda aber kannte sich aus. Sie dachte bei sich , dass das gewiß nicht die Antworten seien, auf die sie wartete, und voller Zorn rief sie in den Lärm hinein, man möge endlich stille sein, sie könne sonst nicht mehr lauschen. Welch Wunder! Das Toben nahm gleich ab, und bald war es wieder ruhig bis auf die leisen Geräusche der Nachttiere. Und endlich, als die ersten Strahlen der Morgensonne übers Land huschten und Magdas Feuer schon fast erloschen war, stand plötzlich eine große schöne Frau neben ihr, die war in einen hellen, blauen Mantel gehüllt, und ihr blondes Haar schmückte ein Kranz kleiner zarter Rosen. „Gut, dass du warten kannst, Magda!“ sagte sie. „So darf ich dir sagen, was in den Landen geschieht. Es wird nun Recht gefordert, wie es seit langem schon verheißen ward. Der Schnitter wandert über seine Felder, und seine Diener trennen den Weizen von der Spreu, und in seinen goldenen Körben finden nur die Früchte Platz, die schön und redlich gewachsen sind! Du, Magda, hüte dein Feuer und pflege deine Rosen, damit es helle leuchtet in deinem Haus, wenn der Tag des Richters kommt!“ Sprach´s und verschwand, löste sich auf in der ersten Glut des grüßenden Tageslichtes. Da erhob sich auch Magda, flink wie eine junge Maid eilte sie zu den Ihren und fand sie noch in tiefem Schlafe. „Ludwig!“ rief sie und schüttelte ihn mächtig, „laß endlich ab von deinem unnützen Hadern! Nimm unseren Knaben und sorge dich um das Feld gleich hinterm Haus, dass es fruchtbar wird und uns nähret ... nur auf fleißige und gute Hände ist noch Verlaß in diesen dunklen Tagen!“ Und als er mürrisch ward und sagte, dies alles sei doch nun nicht mehr vonnöten und ohne jeden Sinn, da schaute sie ihn so strenge an, dass er sich schämte und tat, wie sie es ihm befohlen hatte. Sie selbst aber ermahnte das Töchterlein, ihr in Zukunft noch emsiger in Haus und Hof zur Hand zu gehen, damit es bei allem Leid ringsum stets freundlich und rein daheim zugehe. Und während es in Haus und Hof immer munterer zuging, begann die Rosenhecke zu wachsen und zu gedeihen. Auf prächtig grünes Blattwerk folgte ein üppiger Knospenwald, und als endlich die ersten Blüten sich öffneten und ein Meer von Duft und Farben ringsum ankündigten, da war auch alles im Hause zufrieden geordnet. Auf Ludwigs Feld aber stand das Korn in saftigem Grün, und auch sonst hatte er manches gepflanzt und gesät, das die Not zu lindern versprach. Doch wie es hier blühte und gedieh, so war ringsum in den Häusern allenthalben das Elend und die Furcht, viele liefen davon, und viele legten sich in Bitterkeit danieder. Und manch einer lag in den Nächten wach und lauschte nach dem Keifen und Toben in den Wäldern, und bald erzählte man sich allen Ortes, dass wohl weit Schlimmeres noch sich auf unbekannten Schicksalswegen nähere. Und es sprach sich auch bald herum, dass da welche waren, an denen alles wie durch ein Wunder vorbeigehe, bei denen das Leben noch immer grüne und wo Hunger und Krankheiten ferne blieben. „Die Magda ... war sie nicht schon immer sonderbar und stets für sich, als sei sie etwas Besseres? Eine Hexe ist sie, und am Ende die Schuldige an diesem großen Elend!“ So sprachen sie untereinander, und ein jeder wusste noch etwas dazuzutun. Und wieder begann ein großes Zusammenrotten, wer noch Kraft und Willen in sich fühlte, der lief mit, und hin zog es sie zu Magdas Haus. Die hohe Rosenhecke gebot ihnen Einhalt, doch sie späten begierig durch Blattwerk und Blüten und konnten manchen Blick auf das reinliche Haus und den lieblichen Garten mit den Hühnern und Enten erhaschen. Und als dann Magda vors Haus trat, so frisch und sorgsam gekleidet wie in jenen Zeiten, die sie fast schon vergessen hatten, da war es vorbei mit aller Geduld. „Kommt heraus, ihr Betrüger!“ schrie es aus der hungrigen Menge. „Während wir vor Hunger und Verzweiflung zugrunde gehen, mästet ihr vergnügt und kalten Herzens euren Wohlstand! Gesteht, dass ihr euch mit dem verbunden habt, der hohnlachend sich an jedem Niedergange weidet! Gebt uns das, was jedem von uns zusteht!“ Und sie wollten sich mit Stöcken und Zangen einen Durchgang durch die schönen Rosen erzwingen. Doch ach, welch weher Laut entfuhr da dem Ersten, der seine Hand erhoben hatte! Denn der Knüppel, der doch den Widerstand der Hecke brechen sollte, schnellte zurück und traf mächtig an die Stirn des Wütenden. Und dem Nächsten ergings nicht besser, und auch der Dritte und der Vierte hielten sich bald die Hände an das schmerzende Haupt. Und als auch die Zangen und Sägen, mit denen sie die Dornen und Ranken bezwingen wollten, den Dienst versagten, und als die Rasenden dann nach dem Blüten griffen, da drang ein solches Wehgeschrei weit übers Land, dass die Daheimgebliebenen in ihren Betten zu zittern begannen. Denn – seht ihr es nicht? – all die Blüten und Knospen, die so samten in all das düstere Wüten hineinlächelten, sie waren ja plötzlich aus blitzendem Kristall! Und so fest und geschliffen waren ihre Blättchen, dass ein jeder, der sie unsanft berührte, wie in scharfe Eisenklingen griff. Und ein paar Frauen, denen all dies Entsetzliche die Augen geöffnet hatte, schauten zum Himmel empor und sahen zwischen dunklen Wolken ein Heer von blitzenden Lanzen und Helmen, und sie sahen, wie sich lichtvolles Feuer machtvoll dem dunklen Toben widersetzte und schützend das Haus umloderte. Wie bei einer Feuersbrunst erhob sich ein gewaltiger Sturm, und manch einer der Fliehenden fühlte in seinem Herzen voll Furcht die himmlische Macht. Und wie die Finsternis auch um sich griff und die Dürre der Felder Leid und Tränen gebar, Magdas Rosen leuchteten treu und siegreich durch die Nacht. ©Kathrin Schift 2007
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